Aktuelles

Horst Kächele gestorben

Heinrich Deserno, 6.7.2020
Gedanken an Horst Kächele (18.2.1944 – 28.6.2020) 

 

Mit einem Fest im Haus von Beate und Horst Kächele klang 1980 in Ulm die Forschungswerkstatt für empirische Therapieforschung aus. Horst stellte einen Band mit Carl-Loewe-Liedern auf den Flügel und schlug das Lied mit dem Titel Die Uhr auf. Ich war sehr berührt von der herzlichen Ausgelassenheit des Festes und beeindruckt von der engagierten, kritischen, aber nie rechthaberischen Diskussion der Forschungswerkstatt. Zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung während der Forschungswerkstatt gehörte die anschließende Gastfreundschaft von Beate und Horst, mit Musik und Bewirtung beim geselligen Beisammensein in ihrem Haus in Ulm. 

Jetzt, als ich die Nachricht von Horsts Tod am Sonntag, den 28.6. erhielt, fiel mir dieser erste Abend in Ulm wieder ein. Das von Carl Löwe vertonte Gedicht Johann Seidls beginnt mit der Zeile: Ich trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir, und am Ende heißt es über den Meister, der die Uhr hergestellt hat und das regelmäßige Ticken des Uhrwerks: Sieh, Herr, ich hab nichts verdorben, sie blieb von selber stehn. Es liegt nahe, an das regelmäßig pochende Herz zu denken, das bei Horst jetzt aufgehört hat zu schlagen. 

2014 erkrankte Beate schwer, aber sie erholte sich wieder, konnte mit Horst nach Berlin zu einer Veranstaltung der IPU kommen und anschließend mit vielen anderen gesellig beisammen sein. Dass nun Horst 2019 so schwer erkrankte, kam für alle überraschend und ist sicher über die Maßen schmerzlich für Beate, die Töchter und die Enkelkinder, denen mein Mitgefühl gilt. 

Die Geschichte von der Uhr im Löwe Lied, der Uhr, die regelmäßig tickt, aber am Ende stillsteht, bedeutete für Horst immer und zu jeder Zeit auch Zeitdruck. Immer ging es um die Zeit, die es zu nutzen galt. Das hat Horst stets getan. Ich denke traurig daran, dass sein Herz, und damit auch sein Engagement, seine Hingabe an die Psychotherapieforschung jetzt stillsteht. 

Nach dieser für mich ersten Forschungswerkstatt in Ulm blieben wir in Kontakt. Ich war inspiriert von der empirischen Psychotherapieforschung, wie ich sie bei Thomä und Kächele kennen gelernt hatte und begann selbst mit der Tonbandaufzeichnung einer Analyse. Nachdem ich 1985 in Ulm Hartwig Dahl, Merton Gill und Lester Luborsky kennengelernt hatte, bildete ich eine Arbeitsgruppe, die sich auf die Auswertung der Transkripte mit dem Verfahren des Zentralen Beziehungskonfliktthemas (ZBKT, Luborsky) vorbereitete. 1993 war dann ein Transkript, die 290. Stunde aus der 1990 beendeten, von mir aufgezeichneten Analyse die Grundlage für eine Ulmer Forschungswerkstatt. 

Die Prozessforschung, in die ich über die Ulmer Werkstätten gekommen war, konfrontierte die psychoanalytischen Theorien zur Übertragung, zum Arbeitsbündnis und dem therapeutischen Prozess mit der konkreten Realität von Therapieverläufen. Sie suchte danach, wie Veränderungen möglich werden. Von den dominierenden psychoanalytischen Konzepten war Horst nichts „heilig“. Für ihn gab es nicht die Suche nach dem „wahren, psychoanalytischen Prozess“. Er suchte nach der Verbindung von Theorie und Methode, oder wie Gottfried Fischer es ausdrückte, nach der Konvergenz von Logik und Empirie. Durch die Prozessforschung sollten Faktoren, welche eine Therapie fördern und Veränderung bewirken, erkannt werden. Es wurden in diesem Untersuchungsansatz aber auch Faktoren erkennbar, die nicht förderlich, ja schädlich waren. Hierzu äußerte Horst sich sehr klar und plädierte für eine Fehlerkultur. Er benannte Fehlerhaftes in den psychoanalytischen Konzepten. So kritisierte er herrschende Annahmen über die Kindheit als Mythenbildung, als Projektion aus dem erwachsenen Erleben auf die kindliche Entwicklung. Er sprach vom adultomorphen Mythos, nachdem das Kind sei wie wir Erwachsenen; dem theoreticomorphen Mythos, wonach das Kind so sei, wie unsere Theorie es konstruiert und dem pathomorphen Mythos, demzufolge das Kind so denke und fühle wie psychotische Patienten. Sein Fazit war: Diese drei Mythen solle man beerdigen (Thomä & Kächele, 2020, p. 88). 

Horst Kächele plädierte engagiert für die Aufnahme der viel geschmähten Babywatcher sowie für Fonagys Forschungen zu Mentalisierung und Bindung in den Ausbildungskanon. Die Beschäftigung mit dem realen, zu beobachtenden Kind in seiner Entwicklung und seinem Interaktionsgeschehen mit Eltern und Umwelt war für ihn Voraussetzung für ein angemessenes Verständnis der Erlebnismuster im Übertragungsgeschehen von Psychotherapien. 

Einen weiteren Fehlerbereich sah er in der Überschätzung des psychoanalytischen Settings und seiner klassischen Technik, mit der eine Unterschätzung der schädigenden Wirkung verbunden war: fehlende Resonanz und Empathie sowie subsumtionslogische Verwendung von Konzepten. Er verwies auf die Funktion der Selbststabilisierung von Therapeuten durch ihre theoretische Präferenz und die lediglich traditionsbewusste Begründung dieses sogenannten“ klassischen“ hochfrequenten jahrelangen Verfahrens. Die von ihm angestrebte Fehlerkultur wurde von ihm als Angelegenheit der Therapeuten verstanden, womit er die Patienten von dem stets zur Hand genommenen negativen Urteil befreite, an ihnen läge es, wenn eine Analyse nicht gelinge. 

Über diese kritische Position zur klassischen Analyse hinaus verband mich mit Horst das Interesse am Traum bzw. Träumen. In der Dokumentation und Beforschung von Traumserien eröffnete sich ein weiterer Zugang zu therapeutischen Prozessen. Wir waren uns einig, dass gegenwärtig das Modell der kognitiven Affektregulierung im Traum von Ulrich Moser & Ilka von Zeppelin am besten zur Therapieprozessforschung geeignet sei (Zurich Dream Process Coding System). 

Ab 2009, der Eröffnung der International Psychoanalytic University (IPU), Berlin, wurde unsere Zusammenarbeit wieder intensiver. Ich konnte mich mit ihm über mein Vorhaben, eine Forschungsambulanz an der Hochschule zu errichten, austauschen und bin ihm dankbar für mancherlei Anregungen für die ab 2012 stattfindenden Forschungswerkstätten nach dem Vorläufer und Vorbild der Ulmer Werkstatt. 

Mit der Gründung der IPU konnte Horst Kächele seinen Einfluss auf eine kritische Gestaltung und Veränderung psychodynamischer Psychotherapien und ihrer Theoriebildung nochmals verstärken. Wenn er die Zeit dafür hatte, kam er zu den wöchentlichen Fallkonferenzen der Forschungsambulanz der Hochschule und sparte nicht mit interessanten, schlüssigen Interpretationen, aber auch Studien- und Literaturhinweisen, die kurz darauf von ihm per Mail verschickt wurden.

Die Zeit war für ihn ein hohes Gut. Er guckte nie demonstrativ auf die Uhr, aber er war immer, vor allem am Telefon, in einer bestimmten Eile. Noch bis zuletzt hat er am 2. Band der englischen Neuauflage von Thomä & Kächele gearbeitet. In Band 1 der englischen Neuauflage, der am Anfang dieses Jahres erschien, drückte Christa Rhode-Dachser ihre Freude darüber aus, dass dieses Buch nun ein neues Zuhause in der IPU gefunden habe, weil eine Reihe von Professoren der IPU an der Revision der früheren Auflage mitgearbeitet hatte und das Werk rechtzeitig zum Beginn des englischen masters psychology an der IPU vorliegt. 

Es ist ein Verlust für alle, die ihn in dieser großzügigen Weise kannten, dass wir ihn nun nicht mehr fragen können. Aber wir können uns ja fragen, was er uns auf unsere Fragen geantwortet hätte, und in der großen Zahl seiner Buch- und Zeitschriftenpublikationen lassen sich viele Antworten finden. 

Horst war nicht eitel. Er gab sich kaum gekränkt oder überlegen. Wenn jemand z. B. nicht zu seinem Vortrag kommen konnte, nahm er das mit Humor, indem er meinte, dass jeder ohnehin „seine eigene show“ mache. Er hat, ob er es jeweils beabsichtigte oder nicht, vielen dazu verholfen, einen eigenen Weg durch das immer größer und vielfältiger werdende Gebiet der psychodynamischen Psychotherapie und Forschung zu finden. Damit steht er für einen professionellen und akademischen Weg, das Wissen um Veränderung durch Psychoanalyse dadurch zu erreichen, dass man auch bereit ist, die Psychoanalyse selbst zu verändern - in Theorie, Praxis, Forschung und Ausbildung. Horsts kritische Wertschätzung der Psychoanalyse ist beispiel- und vorbildhaft. Er war großzügig, freigiebig und handelte nach dem unausgesprochenen Ethos: wer viel hat, kann auch viel geben. 

Im Psychosozial-Verlag wurden folgende Bücher und Beiträge von Horst Kächele veröffentlicht: 

Psychoanalytic TherapyHelmut Thomä, Horst Kächele
Psychoanalytic Therapy
Principles and Practice. Vol. 1: Principles
EUR 99,90

The principles underlying psychoanalytic technique and their impact on practice are the main objects of this comprehensive and systematic study, which is based on research in psychoanalysis. After descriptions of the development of psychoanalysis, chapters are devoted to comprehensive accounts of the key concepts of the psychoanalytic therapy – transference, countertransference, and resistance – as well as to the initiation and conduct of treatment, to the role of models, and to the scientific status of psychoanalytic theory. [ mehr ]

Sofort lieferbar.
Lieferzeit (D): 2-3 Werktage

Psychoanalytic Therapy (PDF-E-Book)Helmut Thomä, Horst Kächele
Psychoanalytic Therapy (PDF-E-Book)
Principles and Practice. Vol. 1: Principles
EUR 99,99

9783837929515 [ mehr ]

Sofort-Download

Behandlungsberichte und TherapiegeschichtenHorst Kächele, Friedemann Pfäfflin (Hg.)
Behandlungsberichte und Therapiegeschichten
Wie Therapeuten und Patienten über Psychotherapie schreiben
EUR 36,90

Eine aufschlussreiche Beschreibung dessen, was in Psychotherapien geschieht. Patienten, Psychoanalytiker und Psychotherapieforscher nehmen die Geschichten beider Parteien genau unter die Lupe. [ mehr ]

Sofort lieferbar.
Lieferzeit (D): 2-3 Werktage

Horst Kächele, Juan Pablo Jimenez, Helmut Thomä
»Ende gut, alles gut?« Gedanken zu Unterbrechung und Beendigung psychoanalytischer Behandlungen (PDF-E-Book)
Psychotherapie und Sozialwissenschaft 2008, 10(1), 7-20
EUR 5,99

Sofort-Download

Die Gesundheit von Pendlern (PDF-E-Book)Steffen Häfner, Horst Kächele
Die Gesundheit von Pendlern (PDF-E-Book)
psychosozial 109 (2007), 7-16
EUR 5,99

Sofort-Download

Psychotherapie & Sozialwissenschaft 2/2011: Fehlerkultur in der PsychotherapieEsther Marie Grundmann Horst Kächele (Hg.)
Psychotherapie & Sozialwissenschaft 2/2011: Fehlerkultur in der Psychotherapie
13. Jahrgang, 2/2011
EUR 22,90

Dieser Titel ist derzeit vergriffen.

Für Oktober 2020 ist zudem Band 2 von »Psychoanalytic Therapy« geplant:

Psychoanalytic TherapyHelmut Thomä, Horst Kächele
Psychoanalytic Therapy
Principles and Practice. Vol. 2: Practice
EUR 99,90

Conversational analysis has turned out to be the salient feature to understand what promotes change in the psychoanalytic situation. This significant aspect of the first edition of this textbook is expanded in the second edition presenting prominent examples of contemporary process and outcome research fulfilling the criteria of evidence-based medicine. [ mehr ]

Dieser Titel erscheint im Februar 2021.

Ebenfalls im Psychosozial-Verlag verfügbar:

Psychoanalytische Einzelfallforschung: Ein deutscher Musterfall Amalie XHorst Kächele, Cornelia Albani, Anna Buchheim, Hans-Joachim Grünzig, Michael Hölzer, Roderich Hohage, Juan Pablo Jimenez, Marianne Leuzinger-Bohleber, Erhard Mergenthaler, Lisbeth Neudert-Dreyer, Dan Pokorny, Helmut Thomä
Psychoanalytische Einzelfallforschung: Ein deutscher Musterfall Amalie X
Psyche, 2006, 60(5), 387-425
EUR 5,99

Sofort lieferbar.
Lieferzeit (D): 2-3 Werktage

Das Adult Attachment Interview und psychoanalytisches Verstehen: Ein klinischer DialogAnna Buchheim, Horst Kächele
Das Adult Attachment Interview und psychoanalytisches Verstehen: Ein klinischer Dialog
Psyche, 2002, 56(9-10), 946-973
EUR 9,99

Sofort lieferbar.
Lieferzeit (D): 2-3 Werktage

Klaus Grawes Konfession und die psychoanalytische ProfessionHorst Kächele
Klaus Grawes Konfession und die psychoanalytische Profession
Psyche, 1995, 49(5), 481-492
EUR 5,99

Sofort lieferbar.
Lieferzeit (D): 2-3 Werktage

Horst Kächele, Friedemann Pfäfflin, Claudia Simons
Fachgutachten im Rahmen sozialgerichtlicher Klärung des Umfangs der Leistungspflicht einer Krankenkasse für analytische Psychotherapie
Psyche, 1995, 49(2), 159-173
EUR 5,99

Sofort lieferbar.
Lieferzeit (D): 2-3 Werktage

Roderich Hohage, Lisbeth Klöss, Horst Kächele
Über die diagnostisch-therapeutische Funktion von Erstgesprächen in einer psychotherapeutischen Ambulanz
Psyche, 1981, 35(6), 544-556
EUR 5,99

Sofort lieferbar.
Lieferzeit (D): 2-3 Werktage

Weitere Infos zu Horst Kächele finden Sie auf seiner Homepage: 
http://www.horstkaechele.de

Zurück