27. Wolfgang Loch Vorlesung sowie 5. Verleihung des Wolfgang Loch Preises an Wolfgang Hegener
Der Preisträger Priv.-Doz. Dr. Dr. Wolfgang Hegener spricht zum Thema »Die talmudische Denkweise kann ja nicht plötzlich aus uns verschwunden sein.« (K. Abraham an S. Freud). Psychoanalyse und talmudisches Judentum.
Koreferat: Sandra Dörrenbächer
1908 schreibt Karl Abraham, nachdem er Freuds Buch über den Witz gelesen hatte und in einem Absatz den ganzen Aufbau und die Technik talmudisch fand: »Die talmudische Denkweise kann ja nicht plötzlich aus uns verschwunden sein«. Der Hinweis auf diese spezifisch jüdische Tradition stand im Kontext der beginnenden Auseinandersetzungen mit C.G. Jung. Wenige Tage zuvor hatte Freud Abraham um Nachsicht gebeten: Er habe es als Jude wesentlich leichter, zur Psychoanalyse zu finden als Jung, und der Anschluss des Christen und Pfarrerssohnes Jung an die Psychoanalyse verhindere, dass diese eine bloß »jüdisch nationale Angelegenheit« werde. Die jüdischen Wurzeln der Psychoanalyse – zumal die talmudischen, die sowohl in der Geschichte des Christentums als auch im liberalen Judentum und in der »Wissenschaft vom Judentum« als überholt, modernitätswidrig und geradezu als »barbarisch« galten – mussten strikt verdeckt und gegenbesetzt werden, da diese Verbindung den Status der jungen Psychoanalyse als Wissenschaft bedrohte. Dies hängt wesentlich damit zusammen, dass in der abendländisch-christlichen Geschichte das jüdische Denken strikt partikularisiert wird und nur das Christentum und sein aufklärerisches Erbe Anspruch auf universelle Geltung erheben.
In diesem Vortrag möchte Wolfgang Hegener zeigen, wie insbesondere das methodische Vorgehen, das Freud paradigmatisch in seiner Grundschrift »Die Traumdeutung« entfaltet, der »talmudischen Denkweise« strukturanalog entspricht, so dass er schließlich sagen kann, er habe die Träume wie »heilige Texte« gelesen. Beide, die »heiligen Texte« und die Träume, treten gleichsam erst durch ihre Deutung hindurch in Kraft und sind sensu Loch in einem konstruktiven Prozess auf ihre Aktualisierung angewiesen. Diese Entsprechung rechtfertigt den weitergehenden Schluss, dass die Freudsche Psychoanalyse die einzig noch existierende talmudische Wissenschaft ist, was in einem abschließenden Teil diskutiert und problematisiert werden soll.
Priv.-Doz. Dr. Dr. Wolfgang Hegener Psychoanalytiker und Ausbildungsanalytiker (DPG/IPV/DGPT) in Berlin und Hochschullehrer für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Promotion in Psychologie und Jüdischer Theologie, Habilitation in (Psychoanalytischer) Kulturwissenschaft. 2022-2025 Studium der evangelischen Theologie im Kirchlichen Fernunterricht (KFU). Mit-Herausgeber des »Jahrbuchs der Psychoanalyse«. Interessenschwerpunkte: Jüdische Wurzeln der Psychoanalyse; zur Psychoanalyse des Antisemitismus; zum Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie.
Ort: im Hörsaal der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums der Eberhard Karls Universität, Calwer Str. 14, 72076 Tübingen
Termin: Freitag, den 23. Oktober 2026, 17:00 bis 20:00 Uhr
Von Wolfgang Hegener im Psychosozial-Verlag
Im Anfang war die Schrift
Keinen Text hat Freud in seinen Schriften und Briefen häufiger zitiert als die Jüdische Bibel; zudem hat er sein geistiges Leben mit der Lektüre der Bibel begonnen und sich am Ende seines Lebens erneut mit der jüdischen Schrifttradition auseinandergesetzt. Wolfgang Hegener macht Freuds Leben als permanentes Ringen um eine eigene Position in Reflexion seiner jüdischen Herkunft begreifbar.
Herbert Rosenfeld und seine Bedeutung für die Psychoanalyse
Herbert Rosenfeld (1910–1986) gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der kleinianischen Psychoanalyse und als Pionier der psychoanalytischen Behandlung psychotischer PatientInnen. Die Autorinnen und Autoren, die Rosenfeld zum Teil persönlich kannten, beleuchten die Biografie des Psychoanalytikers, stellen die ideengeschichtlichen Wurzeln seiner Theorie dar und illustrieren ihre klinische Bedeutung in der heutigen Zeit. Zahlreiche Dokumente – einige davon erstmals publiziert – und Fotos aus Rosenfelds Leben runden den Band ab.
Schuld-Abwehr
Dieses Buch bietet eine systematische Analyse des abendländischen Antisemitismus unter einer psychoanalytischen Perspektive. Das Verbindende seiner verschiedenen Grundformen (christlicher Antijudaismus, rassistischer Antisemitismus, sekundärer Antisemitismus und islamistischer Antisemitismus) wird in der Abwehr von depressiver Schuld gesehen.
Heilige Texte
Ausgehend von der Traumdeutung und der Anmerkung Freuds, er behandle den Traum »wie einen heiligen Text«, skizziert Wolfgang Hegener in der vorliegenden Studie systematisch den Einfluss der Kultur und Tradition des rabbinisch-talmudischen Judentums auf Freuds Werk. Hegener stellt damit insbesondere heraus, welche grundlegende Bedeutung diesem vergessenen Erbe für die Methode des psychoanalytischen Verstehens zukommt.
Unzustellbar
Unzustellbar – gemeint sind unerhörte Botschaften, die nie ihren Adressaten erreicht haben und doch darauf warten, irgendwann einmal erhört, angenommen und in einem konstruktiven Prozess verwandelt zu werden. Ausgehend von diesem Gedanken untersucht der Autor Konzepte des Unbewussten, des (Todes-)Triebes und kulturelle Tradierungsprozesse.
Das unmögliche Erbe
Das Buch versammelt Aufsätze von namhaften Kultur- und Literaturwissenschaftlern, Philosophen, Theologen und Psychoanalytikern, die aus unterschiedlichen Perspektiven den »traditionellen« Antisemitismus und modernen Antiisraelismus analysieren und der kontrovers diskutierten Frage nach der Bedeutung des Judentums für die Psychoanalyse nachgehen.
Erinnern und Entdecken
Aus Anlass des 150. Geburtstages von Sigmund Freud fanden in Berlin zahlreiche Veranstaltungen statt. Die hier veröffentlichten Beiträge unterschiedlicher Disziplinen (Neuro-, Kultur-, Literaturwissenschaft, Philosophie und Psychiatrie) wollen an seine historische Leistung erinnern, aber auch das lebendige Potential der Psychoanalyse aufzeigen.
Erlösung durch Vernichtung
Eine kenntnisreiche und gut lesbare Studie über die christlichen Wurzeln des europäischen Antisemitismus und die Religion des Nationalsozialismus.







