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15 Seiten, PDF-E-Book
Erschienen: März 2026
Bestell-Nr.: 26802
https://doi.org/10.30820/0171-3434-2026-1-9
»psychosozial«
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Cana Weider

Das Unsagbare (PDF)

»Rasse«, race und Rassismus in der deutschen Begriffskonfusion

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Der vorliegende Artikel beschäftigt sich mit den Schwierigkeiten und Hemmungen vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte, über Rassismus und race zu sprechen. Nach 1945 wurde – insbesondere auch durch die UNESCO-Statements zu race – die Annahme eines biologischen Fundaments für die Existenz menschlicher »Rassen« klar abgelehnt. Ich argumentiere, dass mit der Absage an den biologisch aufgeladenen »Rasse«-Begriff auch ein Wandel in der Sprache hin zu Ersatzbegriffen wie ›Ausländer‹ und ›Migrationshintergrund‹ stattgefunden hat. Ein Rückblick auf die Konstruktion von »Rasse« verdeutlicht jedoch, dass es in den tieferliegenden Strukturen keine scharfe Trennlinie vor und nach dem Nationalsozialismus gibt. Für meine von einem diskursanalytischen Verständnis geleitete Untersuchung beschäftige ich mich exemplarisch mit der Forschung zu sog. »Mischlingen« des Direktors des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik, Eugen Fischer, sowie der ebenfalls renommierten NS-Wissenschaftler Wolfgang Abel und Ernst Rodenwaldt. »Rasse« wurde bereits vor 1945 nicht ausschließlich biologisch, sondern auch sozial und kulturell konstruiert. Ebenso findet Rassismus heute nicht nur in Kulturalismen seinen Ausdruck, sondern race und ›Ethnie‹ spielen auch in aktueller Genforschung eine Rolle. Daraus folgere ich einen grundlegenden Trugschluss des deutschen Diskurses, das Vermeiden essenzialisierender Begriffe vermeide auch die Reproduktion rassistischer Denkmuster. Vielmehr führt das Nicht-Sprechen über race dazu, rassistische Strukturen zu verschleiern, anstatt sie aufzubrechen.

Abstract:
This article deals with the difficulties and inhibitions to address racism and race against the backdrop of Germany’s National Socialist past. After 1945 and following the UNESCO-statements on race, the assumption of a biological foundation of human races was strictly rejected. I argue that the rejection of a biological notion of race leads to a change of language in Germany. The term race was replaced by more clearly defined (and bureaucratic) terms such as foreigner (›Ausländer‹) or migration background (›Migrationshintergrund‹). However, looking back on the construction of race shows that the deeper structures cannot be sharply separated before and after National Socialism. Following a discourse-analytical understanding, I examine exemplarily the research on so called mixed-race persons (»Mischlinge«) by the director of the »Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik«, Eugen Fischer, as well as renowned Nazi-scientists Wolfgang Abel and Ernst Rodenwaldt. Before 1945, race was not purely constructed on biological assumptions, but also socially and culturally. On the other side, racism today is not only found in culturalistic argumentation, but race and ethnicity play a crucial role in recent genetic research. From this I conclude a general fallacy of the German discourse on race: The avoiding of essentializing terms cannot stop the reproduction of racist thought patterns. Rather, not talking about race helps to conceal racist structures instead of fighting them.