26821.jpg26821.jpg

12 Seiten, PDF-E-Book
Erschienen: Juni 2026
Bestell-Nr.: 26821
https://doi.org/10.30820/0171-3434-2026-2-101
»psychosozial«
abonnieren
Annemarie Bierstedt, Carsten Spitzer & Ina Hunger

»Es war nicht alles schlecht im Leistungssport« (PDF)

Die narrative Verarbeitung der DDR-Leistungssportvergangenheit und ihrer biografischen Folgen

Sofortdownload
Dies ist ein E-Book. Unsere E-Books sind mit einem personalisierten Wasserzeichen versehen,
jedoch frei von weiteren technischen Schutzmaßnahmen (»DRM«).
Erfahren Sie hier mehr zu den Datei-Formaten.

Der Beitrag untersucht, wie DDR-Leistungssportler*innen ihre Sportvergangenheit und deren biografische Folgen deuten und verarbeiten. Datengrundlage waren 15 narrative Interviews (Schütze, 1983) mit Athlet*innen unterschiedlicher Geschlechtsidentität, Altersgruppen, Sportarten, Erfolgsstufen, Gesundheitszuständen und Opferstatus. Mithilfe der Reflexiven Grounded Theory Methodologie (RGTM; Breuer et al., 2019) wurde eine Typologie von Selbstdeutungsund Verarbeitungsweisen entwickelt: Der Typus der Beeinträchtigten deutet die DDR-Sportvergangenheit im Kontext einer Leidensbiografie als Entwicklungshemmnis, während sie für den Typus der Gewinner*innen überwiegend als Entwicklungsund Karrierevorteil erscheint. Die Ergebnisse tragen zur Pluralisierung des Aufarbeitungsdiskurses bei: Der Subtypus der Opfer des DDR-Sportsystems verweist auf anhaltendes Leiden, verursacht nicht nur durch Doping, sondern auch durch psychische Beeinträchtigungen infolge struktureller und personalisierter Gewalt im Sportsystem. Der Subtypus der am Leid Erstarkten betont dagegen eine persönliche Wachstumsund Heilungsentwicklung. Bei den Ambivalent-Arrangierten und den affirmativen Erfolgskonstrukteur*innen steht trotz teils körperlicher Schäden eine Distanzierung vom Opferstatus im Vordergrund, zugunsten von Erinnerungen an identitätsstiftende Erfolge, Vorzüge und persönliche Ressourcen.

Abstract:
This article examines how former elite athletes of the GDR narratively interpret and process their sports past and its biographical consequences. Drawing on 15 narrative interviews (Schütze, 1983) with athletes of different gender identities, ages, sports disciplines, success levels, health conditions, and victim statuses, a typology of self-narratives and coping strategies was developed using Reflexive Grounded Theory Methodology (Breuer et al., 2019). The type of the affected (»Beeinträchtigte«) frames the GDR sports past as biographically detrimental, while the »winners« type interprets it as a career asset. These findings pluralize the dominant discourse of public GDR reckoning: The subtype of »victims« reveals ongoing suffering, not only due to doping but also due to systemic violence and personalized abuse. In contrast, those who emerged strengthened from their suffering highlight healing and growth. The »ambivalent reconcilers« acknowledge physical harm but maintain a distance from a victim identity, while the »integrative success narrators« construct their biographies around athletic identity, achievement, and continuity. This variety of narratives challenges simplified victim-perpetrator dichotomies and underscores the importance of subjective meaning-making in the psychosocial processing of authoritarian sports systems.